Wir bauen eine LadesĂ€ule fĂŒr Elektroautos – Erfahrungsbericht

(only in german – sorry)

Dies wird ein lÀngerer Text. Wem das zu lange dauert, einfach bis zur Trennlinie runterscrollen.

Mitte 2017 hielt ich es fĂŒr eine gute Idee, im Rahmen des Neubaus unseres FirmengebĂ€udes, eine öffentlich nutzbare LadesĂ€ule fĂŒr Elektroautos gleich mit zu bauen. HĂ€tte ich geahnt, dass dies zu einer fast epischen Odyssee ausarten sollte, hĂ€tte ich es wohl sein gelassen. Fairerweise muss ich allerdings dazu sagen, dass mein Vorwissen dazu praktisch Null war. Gleiches gilt fĂŒr mein Wissen ĂŒber Strom. Doch von vorn.

Eine SchnellladesĂ€ule sollte es werden, idealerweise mit 150kW Ladeleistung und der mehr oder weniger klassischen Steckerkombo aus CCS, ChaDeMo und Typ2. Zudem sollte die Möglichkeit geschaffen werden, spĂ€ter eine weitere SĂ€ule hinzuzufĂŒgen. Die SĂ€ule sollte sowohl von MitarbeiterInnen der Firma – mit entsprechender Identifikationskarte – als auch von der Öffentlichkeit genutzt werden können und das 24/7. Soweit die Ausgangslage und Anforderung.

Doch bereits in der Anforderung lag eine erste UnschĂ€rfe. Die 150kW Ladeleistung beziehen sich nĂ€mlich auf das Laden per Gleichstrom (DC) ĂŒber CCS oder ChaDeMo. FĂŒr das Laden per Typ2, was dann wiederum per Wechselstrom (AC) erfolgen wĂŒrde, gibt es derartige Ladeleistungen (noch?) nicht. Das Ende der Fahnenstange liegt derzeit bei 43kW. Nachdem diese UnschĂ€rfe ausgerĂ€umt war, bestand die nĂ€chste Aufgabe darin, die technischen Voraussetzungen fĂŒr diese Ladeleistung zu klĂ€ren.

Dazu nahm ich Kontakt mit den lokalen Stadtwerken (Stadtwerke Erfurt) auf, von denen ich annahm, dass diese eine gewisse Kompetenz haben. Schließlich hatten Sie bereits zahlreiche LadesĂ€ulen (22kW AC) im Stadtbild aufgebaut und zumindestens den Bau von 50kW DC SĂ€ulen im Plan. Dort war man zunĂ€chst von meiner Anfrage ĂŒberrascht, konnte mich aber sofort an einen Netzplaner durchstellen. Dieser half mir dann tatsĂ€chlich direkt weiter, allerdings war er es sichtlich nicht gewohnt, mit einem elektrischen N00b zu sprechen, so dass ca. 70% der Informationen fĂŒr mich wertlos waren. Zusammenfassen kann ich es aber so, dass die benötigte Leistung gerade noch aus dem Niederspannungsnetz zur VerfĂŒgung gestellt werden könnte, allerdings maximal fĂŒr 1x150kW, sprich eine LadesĂ€ule. Der sog. Baukostenzuschuss fĂŒr (viel) dickere, neue Kabel zwischen Verteilerstation und FirmengebĂ€ude sollte sich auf rund 30.000 EUR belaufen. Vorlaufzeit bis zur BauausfĂŒhrung ca. 6 Monate. FĂŒr 2 LadesĂ€ulen, also 2x150kW, hĂ€tte das Mittelspannungsnetz angezapft werden mĂŒssen. Baukostenzuschuss rund 60.000 EUR + eine eigene Trafostation (hoher vierstelliger bis niedriger fĂŒnfstelliger Eurobetrag) + eine Verlustleistung der Trafostation im vierstelligen kWh Bereich / Jahr + Wartung der Trafostation + Schaltkrams und und und…

Ich lasse das an dieser Stelle so stehen und werde spĂ€ter darauf zurĂŒckkommen.

Als nĂ€chstes ging es darum, geeignete LadesĂ€ulen fĂŒr diese Art von Anforderung zu finden. Dazu mussten zunĂ€chst Hersteller ermittelt werden. Bei der ElektromobilitĂ€t NRW gab es eine zum damaligen Zeitpunkt halbwegs aktuelle Liste und die Presse war voll von AnkĂŒndigungen solcher SchnellladesĂ€ulen. Es stellte sich allerdings recht schnell heraus, dass die ganzen vollmundigen Pressemitteilungen der Hersteller vor allem eins waren – vollmundig. Keiner konnte tatsĂ€chlich eine LadesĂ€ule mit der gewĂŒnschten Leistung liefern. Gleiches galt fĂŒr die Hersteller auf der Liste. Dank dieses Internetzes gelang es mir jedoch, 2 Hersteller ausfindig zu machen, die tatsĂ€chlich in der Lage gewesen wĂ€ren, entsprechende SĂ€ulen zu liefern. Die Preisspreizung war dabei enorm – von 40.000 EUR bis 80.000 EUR pro SĂ€ule. Deutlich verfĂŒgbarer waren SĂ€ulen mit einer Ladeleistung von 50kW DC und 43kW AC. Deutlich gĂŒnstiger waren sie allerdings nicht – 20.000 EUR bis 25.000 EUR wĂ€ren pro SĂ€ule fĂ€llig gewesen.

Lasst uns also auch diese Information an die Seite legen, so dass wir uns des Pudels Kern widmen können.

Tja, was mag das wohl sein? Richtig, die öffentliche Nutzung der LadesĂ€ule. ZunĂ€chst musste ich recht schnell feststellen, dass (fast) kein Hersteller dazu eine Komplettlösung anbot, also Identifikation, Abrechnung, Wartung und Betrieb. Ich hĂ€tte das alles selbst machen bzw. organisieren können, was mir aber anhand der undurchsichtigen Lade- und Abrechnungsprotokolle deutlich zu aufwendig war. Meine nĂ€chste – wie ich dachte sehr clevere – Idee war es, den lokalen Stadtwerken eine Kooperation vorzuschlagen. Wir beteiligen uns (signifikant) an den Baukosten, die Stadtwerke ĂŒbernehmen dafĂŒr den Betrieb, die Abrechnung und Wartung. So wie an ihren schon vorhandenen LadesĂ€ulen. Dumm nur, dass die Stadtwerke da wirklich so gar kein Interesse, also null, nada, niente daran hatten. Diverse Versuche, selbst unter Zuhilfenahme wirtschaftsfördernder Abteilungen der Stadt, brachten nichts, außer eine gewisse Genervtheit auf der Gegenseite und schließlich die finale Aussage, dass die bereits im Stadtbild vorhandenen LadesĂ€ulen “nur auf Druck der Stadtverwaltung” errichtet wurden. “Man” hĂ€tte ansonsten die Finger davon gelassen (sie wissen schon, dieses Internet, wird sich niemals durchsetzen). Dabei sei an dieser Stelle nur zur VollstĂ€ndigkeit erwĂ€hnt, dass es im Umkreis der geplanten LadesĂ€ule(n) weit und breit keine einzige öffentliche LadesĂ€ule gab.

Nun gut, es gab ja noch Ladenetz, die mir – zumindestens laut Website – vollmundig versprachen, bei der Errichtung einer LadesĂ€ule behilflich zu sein, denn mit Ihnen werde “ElektromobilitĂ€t einfach und grenzenlos”. Leider war dem nicht so, denn meine dort gestellte Anfrage wurde beantwortet mit (sinngemĂ€ĂŸ): “Wir haben Ihr Anliegen an Ihre örtlichen Stadtwerke weitergeleitet. Diese setzen sich mit Ihnen in Verbindung.” Tja, phlöd. ZurĂŒck in diesem Internetz konnte ich zumindestens herausfinden, dass es noch andere Anbieter von “Ladelösungen” gibt. Leider hat es keiner (bis auf zwei, aber dazu spĂ€ter mehr) geschafft, sein Produktangebot oder seinen Service so verstĂ€ndlich darzustellen, dass es mir gelungen wĂ€re herauszufinden, ob die jetzt das bieten was ich brauche (Identifikation, Abrechnung, Betrieb, Wartung). Allego schaffte es immerhin, mir ein verstĂ€ndliches Gesamtpaket zu schnĂŒren, allerdings nur mit einer 50kW DC / 43kW AC SĂ€ule im bekannten 20- 25k EURO Bereich und der Tatsache, dass sie zwar bei der Nutzung der LadesĂ€ule mitverdienen aber bei der Bereitstellung der Infrastruktur nicht mit investieren wollten.

Inzwischen hatte ĂŒbrigens das Jahr gewechselt, es war Februar 2018 und das Projekt praktisch tot. Kosten fĂŒr die Infrastruktur (Strom) zwischen 30.000 – 60.000 EUR + x (Trafostation) und Kosten zwischen 40.000 EUR – 80.000 EUR pro LadesĂ€ule standen im Raum. Auf die ursprĂŒngliche Anforderung (eine 150kW SĂ€ule) bezogen wĂ€ren das also Kosten zwischen 70.000 und 110.000 EUR gewesen, zzgl. Kosten fĂŒr den Bau, Genehmigungen, Planung etc.

Die Upgrademöglichkeit fĂŒr eine zweite SĂ€ule hĂ€tte mindestens 30.000 EUR (Strom) + x (Trafostation) extra und natĂŒrlich die zweite SĂ€ule gekostet. Dazu ein ganzes BĂŒndel an offenen Fragen (Darf ich ĂŒberhaupt eine öffentliche Ladestation betrieben? Werde ich dazu zum Stromanbieter? Muss ich EEG-Umlage auf den Strom zahlen, den ich der Öffentlichkeit bereitstelle? Darf ich den Strom ĂŒberhaupt verkaufen?) und natĂŒrlich weiterhin die nicht gelöste Problematik der Abrechnung, Identifikation, des Betriebs und der Wartung.


Sprung in den Hochsommer 2018. Wie das Bild zu diesem Artikel vielleicht verrĂ€t, haben wir es letztendlich doch noch geschafft, 2 öffentliche LadesĂ€ulen zu errichten. Dazu haben wir uns am Angebot von NewMotion bedient. Diese punkteten bereits sehr frĂŒh,  indem ich auf meine e-Mailanfrage einen telefonischen Beratungstermin angeboten bekam. Eine höchst kompetente MitarbeiterIn erklĂ€rte mir das Produktportfolio und die Möglichkeiten fĂŒr mein gewĂŒnschtes Nutzungsszenario.

Herausgekommen sind jetzt dabei zwei 22kW AC LadesĂ€ulen, die sowohl von MitarbeiterInnen der Firma als auch von der Öffentlichkeit genutzt werden können (mit und ohne Abrechnung, individuell pro Ladekarte einstellbar, Preis pro kWh festlegbar, verschiedene Zahlungsmöglichkeiten, Webportal zur Verwaltung der LadesĂ€ulen und -vorgĂ€nge, usw.).  Zudem ist ein dynamisches Lastmanagement zwischen den SĂ€ulen möglich, so dass immer die optimale (die maximale pro Fahrzeug bzw. die maximal verfĂŒgbare) Leistung zur VerfĂŒgung steht. NatĂŒrlich können die LadesĂ€ulen mit einer Maximalleistung konfiguriert werden, damit der zur VerfĂŒgung stehende Stromanschluss nicht ĂŒberlastet wird (in unserem Falle 63A Stromanschluss, 32A max. fĂŒr die LadesĂ€ulen, jede SĂ€ule mit max. 32A 3-phasig wenn nur ein Fahrzeug angeschlossen ist, 16A 3-phasig wenn zwei Fahrzeuge angeschlossen sind usw.).

Rein von der Ladeleistung her betrachtet, liegt das natĂŒrlich weit entfernt von der ursprĂŒnglichen Anforderung. Sehr weit. Gleiches gilt allerdings fĂŒr die Investitionskosten. Mit rund 3.500 EUR fĂŒr 2 LadesĂ€ulen ist das ungefĂ€hr 1/20 von den Kosten einer SchnellladesĂ€ule. Monatlich veranschlagt NewMotion 4,- EUR pro LadesĂ€ule – ein meiner Meinung nach fairer Preis, fĂŒr eine umfangreiche Leistung.

Leider haben die LadesĂ€ulen ein paar Kinderkrankheiten, die ich Ihnen – nach jetzt rund 2 Monaten Betrieb – noch nicht vollstĂ€ndig austreiben konnte. Die LadesĂ€ulen arbeiten nach einem Master – Slave Prinzip. Die Master SĂ€ule stellt dabei die Netzwerkverbindung zu NewMotion per Mobilfunk und eingebauter SIM-Karte her. Die Slave SĂ€ule wird per Ethernet mit der Master SĂ€ule verbunden. Hin- und wieder kommt es vor, dass die Slave LadesĂ€ule keine Verbindung zu NewMotion bekommt. Durch das altbewĂ€hrte “Ein/Aus” Prinzip lĂ€sst sich das aber beheben. Die Master SĂ€ule dagegen lĂ€dt manchmal nur mit 16A statt der (fahrzeugbedingt) möglichen 24A. Die Ursache dafĂŒr konnte noch nicht abschließend gefunden werden.

Allerdings ist der NewMotion Support wirklich hilfreich und versucht die Probleme zu lösen und das fĂŒr mich ganz bequem per e-Mail Kommunikation.

Heute bin ich glĂŒcklich, diese beiden LadesĂ€ulen zu haben und freue mich tĂ€glich, wenn sie jemand nutzt. Der Strom dafĂŒr kommt zum grĂ¶ĂŸten Teil – zumindestens bei besserem Wetter – aus der Photovoltaikanlage vom Dach. EnttĂ€uscht bin ich allerdings noch immer ĂŒber das Verhalten der Stadtwerke. Und ich frage mich, wie das GeschĂ€ftsmodell der “großen” Anbieter von SchnellladesĂ€ulen eigentlich aussieht. Die Investitionskosten fĂŒr eine Station mit 4-6 LadesĂ€ulen kann man sich jetzt grob zusammenreimen. Bei Preisen zwischen 4,50 EUR und (ca.) 12 EUR pro Schnellladevorgang mĂŒssen ziemlich viele LadevorgĂ€nge stattfinden, bevor sich das rechnet…